p03 Protokoll zum 10.04.2021
Zeit: 15:00 bis 17:10 Uhr
Online-anwesend: Caren Beckers, Matthias Knopf, Ulf Netzer, Dimos Saoulidis, FH
Ich habe uns den Vorgang des Aufnehmens und Verstehens gesprochener Sprache noch einmal vor Augen geführt: Er verläuft synchron zum Prozess des Hörens/Lesens (weshalb der Übersetzende auch zuerst in der Reihenfolge des gegebenen Textes vorgehen und nicht wild im geschriebenen Satz herumspringen sollte, wie es der alte Lateinunterricht lehrte: Da suchte man zuerst die finite Verbform, dann das zugehörige Objekt etc. und hatte am Ende vielleicht zwei Präpositionen übrig, die man nicht mehr unterbrachte).
Beim Hören/Lesen erfassen wir Wort für Wort dreierlei:
a) die Wort-Bedeutung (Lexik; die richtige Konnotation ergibt sich aus dem üblichen Sprachgebrauch und dem besonderen Textzusammenhang, ja sie ändert und klärt sich im weiteren Satzverlauf),
b) die jeweilige Wortform (Flexion)
c) und ihre Einbettung in den grammatisch organisierten Satzzusammenhang (Syntax) zu einem Satzsinn.
Zu letzterer gehört in unserem Falle v.a. das schnelle Erkennen der uns fremden Strukturen wie AcI, PC, GA, Bildungsweisen von Nebensätzen und Bedeutung der Modi.
Vieles von all dem Fremden wird eher geläufig, wenn man einige Texte auswendig lernt. Ich erinnere an die m.E. sehr geeignete Rede des Kleokritos bei Xenophon (in p01)
Die Übertragung in die lexikalischen, formalen und syntaktischen Eigenarten der Zielsprache erfordert ein Abweichen von der "wörtlichen" Übersetzung, und dabei gilt die
Übersetzungs-Regel: So nah am Ursprungstext wie möglich und so weit von ihm abweichend wie nötig, nämlich aufgrund der Struktur der Zielsprache und für das richtige Textverständnis.
Wir planen für die nächsten Sitzungen einen systematischen Durchgang durch die griechische Grammatik und werden mit der Erläuterung der Stammformen der thematischen Verben beginnen: KSF01, S. 1. Dazu gehört natürlich, dass die Personalformen in den verschiedenen Tempora auch sitzen, wenigstens erst einmal im Indikativ. Dem dienen die Seiten KT03 und KT04. Für die Verba contracta und die zugehörigen Kontraktionsregeln empfehle ich (in angemessener Dosierung) die Seite KT08.
Wir übersetzten dann gemeinsam den Lysias-Text in p03. Vier Dinge fielen uns insbesondere auf:
a) Das Attribut steht im Griechischen zwischen dem bestimmten Artikel (wenn vorhanden)·
und seinem Substantiv:
ἡ κατὰ τοὺς νόμους τιμωρία (hier ein präpositionales Attribut, im Dt.nachgestellt)
aber auch mit wiederholtem Artikel nach dem Substantiv:
ἐμοίχευεν τὴν γυναῖκα τὴν ἐμὴν
b) Das Possessivpronomen (wie in τὴν γυναῖκα τὴν ἐμὴν) verändert sich, wenn es sich auf das Subjekt des Satzes rückbezieht, also reflexiv wird; dann tritt das reflexive Personalpronomen im Genitiv ein:
ἐπιδείξω τὰ ἐμαυτοῦ πράγματα.
c) Wie sich das untergeordnete Prädikatsnomen in Num., Genus und Kasus selbstverständlich nach dem substantivischen Beziehungswort richtet:
ἡγούμενος ταύτην οἰκειότητα μεγίστην εἶναι,
(im Dt. wird es endungsloses Adjektiv: am größten)
so richtet sich umgekehrt das Akk.Objekt (wenn es ein Adjektiv oder ein Pronomen ist) in Num., Genus und Kasus nach dem untergeordneten substantivischen Prädikativum:
ταύτην γὰρ ἐμαυτῷ μόνην ἡγοῦμαι σωτηρίαν
(Im Dt. wird das Akk.Obj. zum Neutrum: dieses)
d) Der Konsekutivsatz mit gleichem Subjekt wie der Hauptsatz ist meist ein Infinitivsatz:
οὕτω διεκείμην ὥστε μὴ <αὐτὴν> λυπεῖν
(... dass ich sie nicht verärgerte)
Wir kennen das im Deutschen beim Finalsatz mit gleichem Subjekt, den wir als Infinitivsatz formulieren, in dem aber der Grieche ein finales Verb setzen muss:
Ich tat das, um reich zu werden.
ἔπραξα ταῦτα ἵνα πλούσιος γένωμαι.
Nächstes Treffen: Sonnabend, 17.04.2021, 15:00 - 17:00 Uhr
Ich wünsche bis dahin gute Gesundheit, Freude am Leben und am alten Griechisch. FH
