P27 Protokoll zum 19.06.2022 – PlepVII.351b-352a

 

Zeit 10:00-12:00 Uhr      -       Ort: online
anwesend: Caren, Holger, Friedrich     Ulf ist im Urlaub

Übersetzung:

οὕτω μὲν γὰρ οὔτε Δίων οὔτε ἄλλος πoτὲ οὐδεὶς          So nämlich ´geht` weder Dion noch sonst jemals jemand

ἐπὶ δύναμιν ἑκὼν εἶσιν ἀλιτηριώδη ἑαυτῷ τε                 °° freiwillig an die ihm °°

καὶ γένει εἰς τὸν ἀεὶ χρόνον,                                                   und seinem Geschlecht für immer ´verderbliche Macht`,

ἐπὶ πολιτείαν δὲ καὶ νόμων κατασκευὴν                           sondern an die Verfassung und °° die Einrichtung

τῶν δικαιοτάτων τε καὶ ἀρίστων,                                         der gerechtesten und besten ´Gesetze`,

οὔ τι[1]                                                                                                nicht eínmal,

δι᾽ ὀλιγίστων[2] θανάτων καὶ φόνων                                      wenn sie durch sehr wenige Hinrichtungen und Morde

γιγνομένην[3]·                                                                                 entsteht.

[4] δὴ Δίων νῦν πράττων,                                                         Dies also tat Dion und (Beiordnung)

προτιμήσας[5] τὸ πάσχειν ἀνόσια[6]                                          und indem er °° das Unrecht-Leiden

τοῦ δρᾶσαι πρότερον,                                                              [vorher] dem Unrecht-Tun vorzog

διευλαβούμενος δὲ μὴ παθεῖν,                                             und sich hütete, es zu erleiden,

ὅμως ἔπταισεν                                                                             kam er dennoch zu Fall,

ἐπ᾽ ἄκρον ἐλθὼν                                                                         nachdem er den Gipfel erreicht hatte

τοῦ περιγενέσθαι τῶν [351δ] ἐχθρῶν,                                der Überlegenheit über sein Feinde,

θαυμαστὸν παθὼν οὐδέν.                                                      und er erlitt <doch> nichts Außergewöhnliches.

ὅσιος γὰρ ἄνθρωπος ἀνοσίων πέρι,                                    Denn ein frommer Mann mag über Unfromme,

σώφρων τε καὶ ἔμφρων,                                                          besonnen und vernünftig,

τὸ μὲν ὅλον οὐκ ἄν ποτε διαψευσθείη                              sich im Ganzen zwar niemals täuschen

τῆς ψυχῆς τῶν τοιούτων πέρι,                                               nämlich über die Seele solcher Leute,

[7]κυβερνήτου δὲ ἀγαθοῦ                                                       aber ´wenn er wohl` eines guten Steuermannes

πάθος ἂν ἴσως οὐ θαυμαστὸν εἰ πάθοι,                         Leid erfahren sollte, ist es vielleicht nicht außerordentlich °°,

ὃν[8] χειμὼν μὲν ἐσόμενος οὐκ ἂν πάνυ λάθοι,              dem ein nahender Sturm nicht völlig entgehen mag,

χειμώνων δὲ ἐξαίσιον καὶ ἀπροσδόκητον μέγεθος    dem aber die unmäßige und unerwartete Größe der Stürme

λάθοι τ᾽ ἂν                                                                                  wohl entgehen

καὶ λαθὸν κατακλύσειεν βίᾳ.                                              und <ihn> unbemerkt mit Gewalt überspülen könnte.

ταὐτὸν δὴ καὶ Δίωνα ἔσφηλεν·                                           Eben dies nun brachte Dion zu Fall.

κακοὶ μὲν γὰρ ὄντες                                                                Denn dass ´die, die ihn zu Fall brachten`, schlecht waren,

αὐτὸν σφόδρα οὐκ ἔλαθον                                                  war ihm nicht ganz verborgen
οἱ σφήλαντες,                                                                           °° (sie waren ihm als schlecht seiende nicht verborgen),

ὅσον δὲ ὕψος ἀμαθίας [351ε] εἶχον                                 welche Höhe sie aber <erreicht> hatten an Unwissenheit

καὶ τῆς ἄλλης μοχθηρίας τε καὶ λαιμαργίας,                und auch an der übrigen Schlechtigkeit und Unersättlichkeit,

ἔλαθον[9],                                                                                      (waren sie vor ihm verborgen) war ihm entgangen,

ᾧ δὴ σφαλεὶς κεῖται,                                                              wodurch er nun gefällt daliegt                          

Σικελίαν πένθει περιβαλὼν μυρίῳ.                                   und Sizilien mit unendlichem Leid/ Trauer umgibt.

[352a] τὰ δὴ μετὰ τὰ νῦν ῥηθέντα                                    Was nun hiernach gesagt wurde,

ἃ συμβουλεύω σχεδὸν εἴρηταί τέ μοι,                            nämlich was ich rate, ist in etwa von mir dargestellt

καὶ εἰρήσθω·                                                                              und soll <damit> gesagt sein;

ὧν δ᾽ ἐπανέλαβον ἕνεκα                                                      weswegen ich aber dazu noch einmal aufnahm

τὴν εἰς Σικελίαν ἄφιξιν τὴν δευτέραν,                             die zweite Reise nach Sizilien,

ἀναγκαῖον εἶναι ἔδοξέ μοι ῥηθῆναι δεῖν                        es schien mir zwingend, dass es gesagt werden musste

διὰ τὴν ἀτοπίαν καὶ ἀλογίαν τῶν γενομένων.              wegen der Verkehrtheit und Unsinnigkeit des Geschehenen.

εἰ δ᾽ ἄρα τινὶ νῦν ῥηθέντα εὐλογώτερα ἐφάνη[10]         Wenn es nun aber jemandem verständlicher gesagt schien,

καὶ προφάσεις πρὸς τὰ γενόμενα ἱκανὰς                      und ´jemandem` genügend Erklärungen für das Geschehene

ἔχειν ἔδοξέν τῳ,                                                                       zu haben schien °°,

μετρίως ἂν ἡμῖν καὶ ἱκανῶς εἴη τὰ νῦν εἰρημένα.      sollte uns das nun Gesagte angemessen und genügend                                                                                                         <dargestellt> sein.

 

Abschließendes Gespräch:

Wir finden in diesem Schlussabsatz die wesentlichen Motive des Briefes noch einmal gebündelt, die uns zu einer abschließenden Betrachtung des Motivgeflechts führen:

  • Der 7. Brief endet mit einer Hommage an Dion, der auf Platons erster Sizilienreise sein guter Schüler geworden war und fortan in genügsamer Lebensführung den philosophischen Weg Platons zu gehen bereit war (lieber Unrecht leiden als Unrecht tun).
  • Dion hatte darauf gesetzt, dass Platon auch Dionysios II. für seine Philosophie gewinnen und zu einem guten Herrscher, d.h. zum philosophischen König, erziehen könne, und er hatte ihn zu diesem Zweck zu seiner zweiten und dritten Sizilienreise aufgefordert.  
  • Nach dem Scheitern der Erziehungsversuche strebte Dion – mit Platons Billigung – nun selbst die Herrschaft an, musste allerdings den – Platon zufolge –  zweitbesten Weg zum guten Staat wählen: nämlich als Machtpolitiker erst den militärischen Sieg erringen, um dann als Herrscher die Stadtregierungen Siziliens  mit lauteren, erfahrenen Männern zu besetzen, die ihrerseits zuerst gerechte  Gesetze erlassen und dann in ihrer Einhaltung als Vorbilder für alle wirken sollten. Das Ziel war also ein aristokratischer, durch gerechte (nach geometrischer Gleichheit der Bürger) Gesetze und ihre freiwillige Befolgung zusammengehaltener Stadtstaat und nicht der in der Politeia entworfene Idealstaat.
  • Dion erreichte im Kampf gegen Dionysios die Höhe der Macht, wurde aber ermordet, bevor er die philosophisch-politischen Verfassungen bilden lassen konnte. Er scheiterte, weil er nun selbst fälschlicherweise als Tyrann angesehen wurde, also – so Platon am Schluss des 7. Briefes –  an der übergroßen Unwissenheit und Verdorbenheit seiner Gegner.
  • Der Rat, um den die Freunde des ermordeten Dion Platon nun baten, bildet das Zentrum des 7. Briefes. Platon rät den Freunden, den politischen und philosophischen Weg Dions fortzusetzen.
  • Doch damit ist es nicht getan. Wer den Rat verstehen will, muss 1.) auch wissen, worin Dions philosophisches Streben bestand, also auch erfahren, was Platon ihn lehrte, und das heißt zugleich, wie Platons eigene politische Einstellung – entstanden – war (Enttäuschung durch die Demokratie, Sokrates‘ Hinrichtung).
  • 2.) muss er die Gründe kennen, die Platon bewogen, Dion auf seinem politischem Weg in Sizilien zu unterstützen, warum er also seinen Bitten, ein zweites und ein drittes Mal zur Erziehung Dionysios‘ II. nach Sizilien zu kommen, gefolgt war: die Freundschaft zu Dion und die Einsicht, dass der Philosoph sich der praktischen Umsetzung seiner politischen Theorie nicht verweigern darf.
  • Und er muss 3.) die Gründe für das Scheitern Platons erfahren: Dionysios II. philosophisches Unvermögen , seine Verdorbenheit und Eitelkeit sowie seine Empfänglichkeit für Einflüsterungen seiner Entourage.
  • Die menschliche Unzulänglichkeit des Tyrannen verdeutlicht Platon besonders in zwei Bereichen: Zum einen ist es 4.) die Unberechenbarkeit des (um seine Stellung als Alleinherrscher besorgten) Tyrannen in seinem Verhalten gegenüber seinem Schwager und zugleich Schwiegersohn Dion, den er aus Sizilien vertreibt sowie willkürlich und schrittweise enteignet, und parallel dazu das entwürdigende Spiel mit Platons Freiheit, den er zweimal wie eine Geisel in Syrakus festhält. Platon erträgt dies nur, weil er sein Ausharren als einen  Treuebeweis gegenüber Dion versteht, dessen Rückkehr herbeizuführen und dessen Vermögen zu retten er vergeblich versucht.
  • Zum anderen sieht sich Platon durch die eitlen Veröffentlichungen Dionysios‘ von unverstandenen Kerngedanken seiner Philosophie 5.)  zu der Klarstellung veranlasst, dass sich diese nicht als Lehre schriftlich zusammenfassen lässt, weil sie in ständigem Ringen, und zwar im gemeinschaftlichen Gespräch, um das Aufblitzen der tiefsten Einsicht (das Licht) besteht.
  • Und eben dies erklärt und begründet er 6.) mit dem erkenntnistheoretischen Exkurs, der neben dem konkreten Rat an die Freunde  als dessen theoretische Grundlegung den zweiten Focus des 7. Briefes bildet.

So verstanden ist unserer Meinung nach der 7. Brief in sich stimmig, ob er nun von Platon selbst verfasst wurde oder nicht. An der Diskussion über seine Echtheit oder seine teilweise Echtheit können wir nicht teilnehmen, weil uns dazu die Lektüre der weiteren Quellen und das philologische und philosophiegeschichtliche Rüstzeug fehlt. Wir sind aber stolz darauf, den Text vollständig im Original gelesen und uns mit seiner Begrifflichkeit und gedanklichen Vielfalt auseinandergesetzt zu haben, und haben so bereichernde Einsichten gewonnen und vielerlei Denkanstöße und Kategorien fürs Verständnis auch unserer Gegenwart bekommen.

Nächster Termin: Sonntag, 3.7., 10:00 Uhr
(nachdem der Termin am 24.6. wegen des Internetdefekts bei meinem Vodafone-Anschluss ausfallen musste).

Vorbereitung dazu:
pDem-Vokabeln_PlutDem6-8 lernen und den Text dazu übersetzen.
Ich habe auch schon die pDem1.1-8-Vokabeln hochgeladen. Es sind mehr als üblich, weil ich das fürs Einlesen in den neuen Autor für hilfreich hielt. Man merkt, dass Demosthenes jünger als Platon ist und an der Schwelle zur Koine steht.

 


[1] οὔ τι nicht wenig/ nicht im geringsten/ nicht einmal

[2] δι᾽ ὀλιγίστων[2] θανάτων elativ: durch sehr wenige Tötungen/ Hinrichtungen

[3] γιγνομένην konditionales PC: (nicht einmal) wenn sie ...

[4] ἃ relativischer Anschluss: "dies"

[5] προτιμήσας es fehlt eine verbindende Partikel, also dem πράττων untergeordnet

[6] ἀνόσια Akk.Obj. sowohl zu π1σχειν als auch zu παθεῖν

[7] ordne: ἴσως δὲ οὐ θαυμαστόν <ἐστιν> εἰ πάθος ἂν πάθοι κυβερνήτου ἀγαθοῦ ὃν ... Platon stellt die zentrale Aussage in Sperrung

[8] ὃν Relativum zu κυβερνήτου

[9] ἔλαθον erg. αὐτόν

[10] ἐφάνη und ἔδοξεν antiker Briefstil: der Schreiber versetzt sich in die Rolle des Lesenden; im Dt. Präsens